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10.07.17 19:14

Leben und Überleben im besetzten Europa 1939-1945

Nachbericht zur szenischen Lesung am 29. Juni 2017

Peter Romijn, Irina Scherbakowa, Ulrike Schrader, Tatjana Tönsmeyer, Anette Daugardt. Bild: Martin Wosnitza

Die szenisch vorgetragene Lesung, zu der Frau Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer (Bergische Universität Wuppertal) und Frau Dr. Ulrike Schrader (Begegnungsstätte Alte Synagoge) Interessierte am Donnerstag, den 29. Juni 2017 in die evangelische City Kirche Elberfeld/Wuppertal einluden, verlieh einer Reihe ausgewählter unter dem Eindruck von deutscher Besatzung in Europa entstandenen Erfahrungsberichten des Zweiten Weltkriegs einen höchst authentischen Charakter. Veranstaltet wurde dieser Themenabend unter dem Titel: „Es gibt nicht genug Kartoffeln. Es gibt nur Hunger.“ – Leben und Überleben im besetzten Europa 1939-1945. Die an diesem Abend szenisch vorgetragenen Quellen stammten alle samt aus dem von Frau Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer und Prof. Dr. Peter Haslinger (Universität Gießen) geleiteten Forschungs- und Editionsprojekt „Societies under German Occupation - Experiences and Everyday Life in World War II“, welches sich auf der Grundlage einer gesamteuropäischen Perspektive mit den Alltagserfahrungen lokaler Bevölkerungen unter deutscher Besatzung beschäftigt.


So ging es in besonderer Weise darum, durch das authentische Rezitieren zeitgenössischer Quellen, wie offizielle Protokolle, lokale Verordnungen, Tagebucheinträge sowie persönliche Briefe, zu verdeutlichen, wie Gesellschaftsgruppen in den von den deutschen Besatzern kontrollierten Gebieten Europas in ihrem vom Krieg geprägten Alltag mit jeglicher Daseinsform von „Überleben“ umgingen und dies verarbeiteten. Beteiligt an diesem Projekt, und ebenfalls zu Gast an diesem Abend waren Dr. Irina Scherbakowa aus Russland (MEMORIAL in Moskau) sowie Herr Prof. Dr. Peter Romijan, (NIOD – Institut for war, Holocaust and Genocide Studies Amsterdam). 

Rezitiert wurden die von den Forschern bearbeiteten Quellengattungen durch die Berliner Schauspielerin Anette Daugardt, die es eine Stunde lang auf eindrucksvolle Weise schaffte, den ausgewählten Erfahrungsberichten mit ihrer akzentuierten Stimmführung „Gehör zu verschaffen“. Mag jede Quellenart in ihrer Entstehungsgeschichte noch so einzigartig gewesen sein, so sei es nicht zu leugnen, dass Anette Daugardt jeder verlesenen Erfahrungsgeschichte, den angemessenen Charakter verlieh.  Damit stand nicht nur die möglichst authentische Erweckung von Emotionen im Vordergrund, sondern den Zuhörerinnen und Zuhörern wurde damit auch implizit verdeutlicht, wie die verantwortlichen Historikerinnen und Historiker an ihrem Forschungsprojekt arbeiten, wenn sie vor der Herausforderung stehen, unzählige schriftliche Quellen bzw. verschriftlichte Erzählungen zu begutachten, um sie anschließend auf ihren Empiriegehalt hin zu kontextualisieren. Sind diese Quellen dann auch noch in ihrem Ursprung fremdsprachig, wie dieses „wahrhaftig europäische Projekt“ beweist, ist eine Grenzen überschreitende Kooperation unausweichlich. 

Unter der Moderation von Frau Dr. Schrader gingen die drei anwesenden Forscher bei der sich an die szenische Lesung anschließende Podiumsdiskussion nochmals bewusst auf die Bedeutung der internationale Kooperation ein, indem von allen Beteiligten explizit betont wurde, wie unkompliziert sie das gemeinsame Arbeitsverhältnis wahrgenommen haben und wie verblüffend ähnlich die von Menschen in besetzten Gebieten gemachten Ebenen von Erfahrungen doch gewesen seien. Jedes Land, sei es Deutschland als damalig aktiv handelnder Besatzer oder die besetzten Länder selber, seien heute in der Verantwortung, die nationalen Grenzen der eigenen Erfahrungsgeschichte sowie deren Rezeption des Zweiten Weltkriegs zu überschreiten und sich von den fast saturierten Untersuchung der rein militärischen Kampfhandlungen als alleinige Gewalterfahrung zu distanzieren.

Dass der gesamte Themenabend bei den anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörern auf spürbares Interesse stieß, bewies die aktive Teilnahme des Publikums bei der abschließenden Fragerunde, die dazu beitrug, für einen regen Austausch zwischen den geladenen Gästen und den aufmerksamen jungen wie älteren Interessierten zu sorgen. Es lässt sich wohl eindeutig sagen, dass dieses mit Enthusiasmus vorgestellte Forschungsprojekt innerhalb Europas einen entscheidenden Teil dazu beitragen wird, den Zweiten Weltkrieg aus einer neuen zivilen und sozio-kulturellen Perspektive der Zeitgenossen zu betrachten und den individuellen Erfahrungen des unter deutscher Besatzung erlebten Alltags, ein neuerforschtes Gewicht zu verleihen.

 

Stefan Jennessen (Student; Geschichte & Französisch an der Universität Wuppertal)